Die Reise- und Tourismusbranche hat in den vergangenen Jahren einen tiefgreifenden Wandel durchlaufen. KI-gestützte Reiseplanung, biometrische Check-ins, vernetzte Buchungssysteme und smarte Zimmertechnik formen eine quasi komplett vernetzte Urlaubsreise. Doch dieser rasante Fortschritt hat seinen Preis. Mit jedem neuen digitalen Angebot vergrößert sich die Angriffsfläche. Hotels und Reiseunternehmen sind so zu einem der am häufigsten angegriffenen Ziele für Cyberkriminelle und staatlich unterstützte Akteure geworden. Der neue Report „Cyber Risk in Travel & Tourism EMEA 2026″ von KnowBe4 untersucht diese Verschiebungen im Detail und zeigt, welche Bedrohungen die Branche in Europa, dem Nahen Osten und Afrika derzeit am stärksten treffen und warum eine rein reaktive Sicherheitsstrategie nicht mehr ausreicht.
Riesige Datenmengen, hohe finanzielle Risiken
Reiseunternehmen verwalten enorme Mengen an personenbezogenen Daten. Eine einzige erfolgreiche Attacke verschafft Angreifern Zugriff auf Passnummern, Kreditkartendaten und Zugangsdaten zu Vielfliegerprogrammen. Diese Kombination erzielt im Darknet Höchstpreise. Entsprechend verheerend fallen die finanziellen Folgen aus.
Laut dem „Cost of a Data Breach Report“ des Ponemon Institute entfallen drei der fünf global höchsten durchschnittlichen Schadenskosten auf EMEA-Regionen: der Nahe Osten mit 7,29 Millionen US-Dollar pro Vorfall, die Benelux-Staaten mit 6,24 Millionen und das Vereinigte Königreich mit 4,14 Millionen. Im Reise- und Tourismussektor selbst kostet eine Datenpanne im Hotelgewerbe durchschnittlich 4,03 Millionen US-Dollar, im Transportwesen 3,98 Millionen. Allein die Transportbranche macht in Europa inzwischen elf Prozent aller Cyberangriffe aus. Damit rangiert sie auf Platz zwei der am stärksten betroffenen Branchen, direkt hinter dem öffentlichen Sektor.
KI als zweischneidiges Schwert
Der Aufstieg der künstlichen Intelligenz stellt die Cybersicherheit vor ein Paradox. Einerseits ist KI ein wertvolles Werkzeug für Bedrohungserkennung und automatisierte Reaktion. Andererseits nutzen Angreifer sie gezielt für ihre Zwecke. Im „Global Cybersecurity Outlook 2026″ des Weltwirtschaftsforums bezeichnen 94 Prozent der befragten Führungskräfte KI als wichtigsten Treiber des Wandels in der Bedrohungslandschaft.
Cyberkriminelle setzen generative KI ein, um hochentwickelte, kontextreiche Social-Engineering-Kampagnen in großem Maßstab durchzuführen. Laut dem aktuellen „Phishing Threat Trends Report“ von KnowBe4 werden inzwischen 86 Prozent aller Phishing-Angriffe durch KI unterstützt.
Die gefährlichsten Angriffsvektoren
Mehrere Bedrohungen setzen Reiseunternehmen in der EMEA-Region derzeit besonders zu:
- Beim Reservation Hijack kompromittieren Angreifer mit sogenannten ClickFix-Methoden die Zugangsdaten vom Hotelpersonal: Dabei tarnen sie Schadsoftware als routinemäßige Systemupdates oder gefälschte CAPTCHA-Seiten. Sind sie erst im System, kontaktieren sie echte Gäste unter Verwendung echter Buchungsnummern und Reisedaten und verleiten sie zu betrügerischen Zahlungen.
- Doppelte Erpressung durch Ransomware legt ganze Hotels lahm: Verschlüsseln Angreifer die Property-Management-Systeme, kann das Personal weder Gäste einchecken noch Zahlungen abwickeln oder digitale Zimmerschlüssel ausstellen. Bei der doppelten Erpressung sperren die Täter nicht nur Systeme, sondern drohen zusätzlich damit, sensible Reisedaten zu veröffentlichen.
- Fragmentierte Lieferketten bieten weitere Einfallstore: Eine einzige Buchung durchläuft globale Distributionssysteme, Reisebüros, lokale Anbieter und Zahlungsdienstleister. Kleinere Dienstleister verfügen oft nicht über ausreichende Sicherheitsbudgets und werden so zum schwächsten Glied, über das Angreifer in die Netzwerke großer Partner vordringen.
- Geopolitische Instabilität verschärft die Lage zusätzlich: Anhaltende Konflikte haben zu Luftraumsperrungen geführt und das Vertrauen der Reisenden erschüttert. Parallel dazu häufen sich politisch motivierte Angriffe, darunter das Stören und Fälschen von Satellitennavigationssignalen sowie massive DDoS-Attacken, die den Betrieb gezielt lahmlegen sollen.
Vom reaktiven Schutz zur menschlichen Resilienz

Klassische Sicherheitsmodelle setzten lange auf einen möglichst robusten technischen Schutzwall. Doch Reservation Hijacks und Angriffe über die Lieferkette zeigen, dass selbst die beste Firewall wirkungslos bleibt, wenn ein überlasteter Mitarbeiter auf einen KI-gestützten Social-Engineering-Köder hereinfällt oder ein ungesicherter KI-Agent über Prompt-Injection kompromittiert wird. Echte betriebliche Widerstandsfähigkeit erfordert mehr als eine jährliche Pflichtschulung zum Abhaken. Sie verlangt den Blick auf die Absicherung der digitalen Belegschaft als Ganzes, auf Menschen wie auf KI-Agenten. Nur wer die Angriffsfläche Mensch zur stärksten Verteidigungslinie macht, kann in einem zunehmend feindseligen Umfeld bestehen.
Von Dr. Martin J. Krämer, CISO Advisor bei KnowBe4











