
Europas Flüsse führen so wenig Wasser wie selten zuvor. Satellitendaten des EU-Programms Copernicus zeigen Anfang August außergewöhnlich niedrige Pegel an Loire, Po, Rhein und Donau zugleich, Folge einer Dürre, die weite Teile des Kontinents erfasst. An der Donau musste das Kernkraftwerk Paks seine Leistung wegen der Kühlwasserlage bereits drosseln, auf Rhein und Donau fahren Frachter nur noch mit einem Bruchteil ihrer Ladung. Die wirtschaftlichen Folgen sind sichtbar. Ein Risiko bleibt dabei fast immer unbeachtet, obwohl es sich direkt aus dieser Lage speist: das für die IT. Ein Kommentar von Frank Roidl, Senior Service & Contract Manager bei Getronics.
Das eigentliche Problem des Niedrigwassers ist nicht seine Wucht, sondern seine Dauer. Ein Blackout oder ein Hitzetag ist ein Ereignis, das kommt und geht. Ein Niedrigwasser zieht sich über Wochen, oft Monate. Und genau diese Länge macht es für die Unternehmenssicherheit gefährlich, denn sie zwingt Organisationen in einen Dauer-Ausnahmezustand, für den kaum jemand ausgelegt ist.
Denn ein systemischer Ausfall beginnt selten dort, wo man ihn vermutet, also am Fluss oder im Kraftwerk. Er beginnt an den digitalen Schnittstellen, und zwar schleichend. Wenn die Energieversorgung über Wochen unsicher wird und Lieferketten stocken, schalten Unternehmen in den Notbetrieb: Sie richten kurzfristig Fernzugriffe ein, verschieben Wartungs- und Patch-Fenster, weichen Freigabeprozesse auf, um handlungsfähig zu bleiben, und binden ausgedünntes Personal in die Krisenbewältigung. Was als Notlösung für ein paar Tage gedacht war, verfestigt sich über Wochen zur Dauerkonfiguration. Jede dieser Abkürzungen vergrößert die Angriffsfläche, und Angreifer wissen das. Sie richten ihre Kampagnen gezielt auf Phasen langer Belastung und dünner Personaldecke aus, weil dort die Abwehr am schwächsten ist.
Damit wird eine Umweltkrise zur Sicherheitskrise. Nicht, weil das Wasser fehlt, sondern weil die Organisation über Wochen mit heruntergelassener Deckung fährt.
Worauf Unternehmen jetzt achten sollten:
- Notmaßnahmen mit Verfallsdatum versehen .Jeder kurzfristig eingerichtete Zugang, jede aufgeweichte Regel braucht ein Ablaufdatum, eine Protokollierung und eine feste Überprüfung. Sonst wird die Ausnahme im Dauerbetrieb unbemerkt zum permanenten Einfallstor.
- Sicherheitsdisziplin auch unter Dauerlast halten. Patch- und Wartungszyklen, Identitäts- und Zugriffsmanagement und Netzsegmentierung dürfen gerade dann nicht ausgesetzt werden, wenn der Betrieb ohnehin unter Druck steht. Wer die Routine opfert, verliert die Kontrolle.
- In Wochen denken, nicht in Tagen. Notfall- und Kontinuitätspläne sind meist auf einen einzelnen Ausfalltag ausgelegt. Eine schleichende Krise über sechs oder acht Wochen ist ein anderes Szenario, das eigene Vertretungs-, Personal- und Eskalationskonzepte verlangt.
- Lieferkette und Ökosystem einbeziehen. Das Risiko endet nicht am eigenen Werkstor. Partner und Zulieferer stehen im selben Ausnahmezustand und weichen dieselben Kontrollen auf. Ihre Sicherheitsreife gehört in die eigene Risikobetrachtung.
Regulatorisch ist die Richtung klar. Die EU-Richtlinie zur Resilienz kritischer Einrichtungen (CER) verlangt ausdrücklich Vorsorge für Klimafolgen, und NIS2 fordert ein Risikomanagement, das auch anhaltende Belastungen und die Lieferkette einschließt.
Am Ende entscheidet nicht der dramatische Ausfall über die Resilienz eines Unternehmens, sondern die Frage, ob es seine Sicherheitsdisziplin auch dann hält, wenn der Ausnahmezustand zum Normalzustand wird. Wer im wochenlangen Notbetrieb die Deckung fallen lässt, hat das eigentliche Risiko des Niedrigwassers nicht verstanden.
#Getronics










