
Vor den Landtagswahlen im September kursieren Fake-Videos, in denen deutschen Kommunal- und Landespolitikern absurde Straftaten unterstellt werden, versehen mit den Logos etablierter Medienhäuser. Ein Kommentar von Frank Heisel, CEO bei Risk Ident.
Die öffentliche Debatte dreht sich fast ausschließlich um die Frage, ob man einem Video seine künstliche Herkunft ansehen kann. Dabei ist dieser Wettlauf für die Betrachterseite längst verloren, weil generative Modelle schneller besser werden, als forensische Erkennungsverfahren nachziehen können. Eine Ebene tiefer sieht es anders aus. Ein Konto, das wenige Minuten nach seiner Erstellung politische Inhalte in exakter Taktung ausspielt, verrät sich über sein Verhalten, ganz gleich wie überzeugend der Clip wirkt, der darüber verbreitet wird. Geräte- und Netzwerksignale lassen sich im großen Maßstab nur mit erheblichem Aufwand verschleiern, und eine Kampagne, die auf Reichweite angewiesen ist, arbeitet zwangsläufig im großen Maßstab. Genau hier liegt der Hebel, den die Plattformen bislang zu zögerlich ansetzen.
Die Verwandtschaft reicht über die Technik hinaus. Ein Schockanruf funktioniert, weil er Zeitdruck aufbaut und sich auf eine Autorität beruft, der man reflexhaft glaubt. Ein gefälschtes Video mit dem Logo eines Leitmediums arbeitet nach demselben Prinzip: Es leiht sich fremde Glaubwürdigkeit und zielt auf die emotionale Reaktion, noch bevor der Verstand einsetzt. Das Bundeskriminalamt hat für 2025 rund 49 Millionen Euro Beute durch Enkeltrick und Schockanrufe erfasst, bei deutlich gesunkener Fallzahl. Die Täter werden also erfolgreicher, obwohl seit Jahren gewarnt wird. Das gilt bis heute als Seniorenthema. Der Unterschied zur Propaganda liegt allein im Aufwand pro Kontakt. Ein Callcenter muss jedes Opfer einzeln anrufen, ein Video erreicht in derselben Zeit Hunderttausende.
Die Widersprüche gehören zum Verfahren
Autoritäre Staaten wissen das und rechnen damit. Die sowjetische Propaganda vertrat noch eine geschlossene Linie, an der man sich abarbeiten konnte. Stand die Vorgabe aus dem Kreml einmal fest, ließ sie sich prüfen und sachkundig widerlegen. Das heutige Modell verzichtet darauf. RAND-Forscher haben es 2016 unter dem Begriff „firehose of falsehood“ beschrieben: hohes Volumen über viele Kanäle, ohne Rücksicht auf Wahrheit und ohne Anspruch darauf, sich selbst nicht zu widersprechen. Die Widersprüche gehören nämlich zum Verfahren. Am Ende soll das politische Publikum nichts mehr für belastbar halten und sich schlussendlich frustriert aus dem politischen Leben zurückziehen, weil es den permanenten Faktencheck in Eigenregie nicht mehr durchzuhalten vermag. Genau das ist der Zweck. Wehrhaftigkeit, die sich auf Löschanordnungen beschränkt, richtet dagegen wenig aus. Ganz im Gegenteil, für einen Politikbetrieb, der ohnehin schon in einer Vertrauenskrise steckt, ist das Wegsperren unliebsamer Beiträge die denkbar schlechteste vertrauensbildende Maßnahme.
Ich halte die Erwartung für falsch, dass die Plattformen dieses Problem allein in den Griff bekommen können. Unauthentische Konten früher zu erkennen und schneller zu entfernen ist technisch machbar, das zeigt die Praxis der Betrugsabwehr täglich, und der Verfassungsschutz meldet solche Konten bereits mit sichtbarem Erfolg an die Betreiber. Den zweiten Teil müssen wir allerdings selbst leisten. Medienkompetenz ist in Deutschland Ländersache und wird entsprechend ungleich vermittelt, während die Angreifer bundesweit und rund um die Uhr ihre Desinformation streuen. Für den 6. September kommt eine solche langwierig angelegte Maßnahme natürlich zu spät. Für zukünftige Wahlen ist sie womöglich von existenzieller Bedeutung.“










