
In physischen Lieferketten haben Unternehmen über Jahrzehnte gelernt, was Abhängigkeit bedeutet. Wer nur einen Zulieferer hat, spart vielleicht Kosten – bis genau dieser ausfällt. Deshalb ist Diversifikation heute kein Luxus mehr, sondern Standard: Zweitlieferanten, alternative Routen, strategische Redundanzen. Resilienz ist fest eingeplant.
Digital dagegen beobachten wir das Gegenteil. Unternehmen konsolidieren ihre IT-Landschaften, setzen auf integrierte Plattformen, auf „alles aus einer Hand“. Ein Anbieter, ein Ökosystem, eine Oberfläche. „Das ist bequem, effizient und auf den ersten Blick wirtschaftlich sinnvoll. Doch genau hier entsteht ein Risiko, das viele unterschätzen“, kommentiert Ari Albertini, CEO von FTAPI.
Denn der Single-Supplier wird im Digitalen schnell zum Single-Point of Failure. Und noch schlimmer: zum Single-Point of Control. Die Risiken gehen dabei weit über reine Systemausfälle hinaus. Fällt der Anbieter aus, steht nicht nur ein Teil der Wertschöpfung still, sondern im Zweifel das gesamte Unternehmen. Doch auch ohne Ausfall entstehen Abhängigkeiten: durch den Zugriff auf geschäftskritische Daten, durch Fragen der Datensouveränität oder durch einseitige Änderungen von Geschäftsbedingungen, Preisen oder Schnittstellen. Cyberangriffe, Systemstörungen oder geopolitische Spannungen können diese zentralisierten Strukturen zusätzlich destabilisieren und massive Kettenreaktionen auslösen. Was als Vereinfachung und Effizienzgewinn gedacht war, entwickelt sich so zu einer vielschichtigen, strategischen Verwundbarkeit.
Während im Einkauf längst Szenarien durchgespielt, Risiken bewertet und Alternativen aufgebaut werden, fehlt dieses Denken in der IT häufig noch. Digitale Infrastrukturen werden primär unter Effizienzgesichtspunkten gestaltet und nicht unter dem Aspekt der Resilienz.
Dabei gelten die gleichen Prinzipien wie in jeder Lieferkette:
Transparenz über Abhängigkeiten. Bewusste Diversifikation. Gezielte Redundanzen.
Natürlich bedeutet das nicht, jede Plattform infrage zu stellen oder Komplexität um ihrer selbst willen zu erhöhen. Aber es bedeutet, Abhängigkeiten aktiv zu managen und nicht stillschweigend in Kauf zu nehmen. Wer seine gesamte digitale Wertschöpfung an einen Anbieter bindet, trifft keine neutrale Entscheidung, sondern geht ein unternehmerisches Risiko ein. Und dieses Risiko gehört nicht in die IT-Abteilung delegiert.
Es ist eine Managementaufgabe. Eine Frage von Souveränität, von Steuerungsfähigkeit, letztlich von Wettbewerbsfähigkeit. Denn in einer zunehmend digitalisierten Wirtschaft entscheidet nicht nur, wie effizient Systeme laufen, sondern wie robust sie sind, wenn sie unter Druck geraten.
Ari Albertini: „Mein Fazit: „Alles aus einer Hand“ ist bequem – aber Bequemlichkeit war noch nie ein verlässliches Risikomanagement. Wer digital auf Resilienz verzichtet, spart heute und zahlt morgen den Preis.
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