Romance-Scams haben sich zu einem industrialisierten, KI-gestützten Geschäftsmodell entwickelt: Aus unkoordinierten Einzeltätern ist ein milliardenschweres, professionell organisiertes kriminelles Ökosystem geworden. Nach Angaben der Federal Trade Commission (FTC) verursachte Investmentbetrug – das eigentliche „Endgame“ vieler Romance-Scams – im Jahr 2024 Schäden in Höhe von 5,7 Milliarden US-Dollar. Experten gehen davon aus, dass es sich dabei lediglich um eine konservative Schätzung handelt.
Natürlich rücken Romance-Scams rund um den Valentinstag verstärkt in den Fokus. Doch die Realität ist weitaus düsterer: Dieses Geschäft läuft 365 Tage im Jahr – unabhängig von saisonalen Anlässen.
2026 markiert den Beginn einer neuen Ära der Romance-Scams. Leistungsstarke KI-Modelle – darunter Gemini von Google, ChatGPT von OpenAI sowie Claude von Anthropic – eröffnen Betrügern neue Handlungsspielräume. Mit geringem finanziellem Aufwand können sie diese Tools nutzen, um sprachlich perfekte, emotional manipulative Nachrichten zu generieren, die darauf ausgelegt sind, Opfer in die Falle zu locken. Stoßen Kriminelle bei proprietären Modellen auf Inhaltsfilter und Nutzungsbeschränkungen, weichen sie auf frei verfügbare Open-Source-Modelle wie Deepseek und Qwen aus, die mittlerweile nahezu auf Augenhöhe mit ihren kostenpflichtigen Pendants sind.
Diese Scams sind der Motor einer milliardenschweren Industrie – die häufig auf der systematischen Ausbeutung von Opfern von Menschenhandel beruht. In eigens eingerichteten Komplexen werden diese Menschen unter Zwang und hohem Druck in sogenannten „Sales Floors“ eingesetzt. Dort geben Quoten den Takt vor, und Glocken oder Gongs erklingen, wenn es gelingt, ein Betrugsopfer um seine gesamten Ersparnisse zu bringen. Auch wenn Romance-Scams und Investmentbetrug statistisch getrennt erfasst werden, sind sie in der Praxis eng miteinander verflochten: Die vermeintliche Liebesbeziehung dient lediglich als Türöffner für betrügerische Investitionsangebote. Für 2024 meldeten das Federal Bureau of Investigation (FBI) und die Federal Trade Commission (FTC) Schäden durch Investmentbetrug in Höhe von 5,7 Milliarden US-Dollar – der höchste Verlustbetrag aller Betrugskategorien. Doch selbst diese Zahl dürfte konservativ sein, da die Scham vieler Betroffener dazu führt, dass zahlreiche Fälle im Verborgenen bleiben.
Den Behörden sind diese Betrugskomplexe seit Jahren bekannt. Ein jüngst veröffentlichter Augenzeugenbericht des Magazins Wired zeigt jedoch, in welchem Ausmaß sich ihre Strukturen weiterentwickelt haben. Der Bericht beschreibt eine systematische KI-Strategie, einschließlich eines eigenen sogenannten „AI Room“, in dem Deepfake-Technologie eingesetzt wird, um in Videotelefonaten mittels Face-Swapping die Identität der Betrüger scheinbar zu verifizieren.
Angesichts der Fortschritte bei der Audio-, Video- und Bildgenerierung durch LLMs werden diese Täuschungen künftig kaum noch von der Realität zu unterscheiden sein.
So fortschrittlich die Technologie auch erscheinen mag: In diesem Szenario bleibt eine alte, oft zitierte Faustregel eines der wirksamsten Gegenmittel. Wenn etwas zu gut klingt, um wahr zu sein – etwa Investmentangebote, die Gewinne von mehreren Tausend bis hin zu Hunderttausenden Euro in Aussicht stellen –, handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um Betrug. Man sollte sich nicht von Screenshots angeblicher Erträge oder Behauptungen über Insider-Expertise blenden lassen. Bringt ein Online-Match das Thema Investitionen zur Sprache – ob offensiv oder scheinbar beiläufig –, ist höchste Vorsicht geboten. Man sollte den Kontakt abbrechen, das Match auflösen und den Vorfall melden.
Von Satnam Narang, Senior Staff Research Engineer, Tenable












