Was ändert sich in der Telekommunikationsbranche?

space-1970121_640Was hält die Zukunft für die Telekommunikation bereit und was muss die Branche tun, um zu überleben?

Eine Momentaufnahme der Telekommunikationsindustrie der letzten Jahrzehnte bietet nicht unbedingt eine gute Voraussetzung für zukünftige Voraussagen. Die 70er und 80er Jahre des letzten Jahrhunderts kennzeichnen eine Periode des moderaten Wachstums. Der Telekommunikationsindustrie ging es um die Erweiterung der bestehenden Lösungen und des bestehenden Kundenstamms. Dies führte zu einem kontinuierlichen Wachstum in den Industrieländern, führte jedoch zu einer Stagnation in den Entwicklungsländern. Mainframes und dumme Terminals wurden in dieser Zeit durch PCs und die ersten Netzwerke in den Unternehmen abgelöst.

In den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts erlebte die gesamte Telekommunikationsindustrie ein beschleunigtes Wachstum und die Privatisierung der staatlichen Telekommunikationsgesellschaften. Die Mobiltelefonie wurde zum Mainstream und kanibalisierte das Wachstum der Festnetze. Das Internet stand im Mittelpunkt der Zugangstechnologien (xDSL und ISDN). Mittel- und Osteuropa kämpften mit den Ländern in der Karibik und Lateinamerika Um den Anschluss an die USA und Kanada. Auch viele asiatische Länder verkürzten den technologischen Fortschritt der westlichen Welt und leiteten die Entwicklungen ein, die diese Länder ein Jahrzehnt an die Spitze der Innovation katapultierten.

In den späten 90er und 2000er Jahren gründeten die Telekommunikationsunternehmen neue Subunternehmen, die für den Aufbau neuer Zugangsinfrastrukturen zu den Übermittlungsnetzen sorgten. Diese Subunternehmen trugen zum Dotcom-Boom bei. Die aufgebauten Überkapazitäten drückten die Zugangspreise und führten bei viele der neuen Unternehmen zum Konkurs.

Während eines Großteils des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts wurde das Chaos der Internetblase beseitigt. Die meisten Subunternehmen der Telekommunikationsunternehmen wurden umstrukturiert bzw. fusioniert oder von den Muttergesellschaften übernommen.

Heute sind die Anzeichen einer Sättigung der Telekommunikationsmärkte klar sichtbar:

  • Die mobilen Telefone und die Smartphones bleiben weiter attraktiv. Die – Sprache, Daten und Video werden auf derselben Übertragungsverbindung (VoIP, IPTV) übermittelt.
  • Für Ferngespräche lassen sich keine oder nur noch sehr geringe Preise erzielen. Die Wettbewerber (Flat-Rate, Skype, WhatsApp, usw.) haben die Preise für Ferngespräche zusammenbrechen lassen,
  • Die Telekommunikationsgesellschaften versuchen sich wieder einmal neu zu erfinden, da sich die Wege zu weiterem Wachstum versperrt und keine attraktiven Fusionen und Übernahmen mehr am Horizont zu finden sind. Die Übernahme von Content-Providern (NBC Universal/Comcast/AT&T/Time Warner) bietet hier eine Möglichkeit zur Erweiterung der Geschäfte.

Beispiele für stagnierendes Wachstum sind:

  • Die Umsätze der weltweiten Festnetztelefonie flachten im Jahr 2016 weltweit ab und ging in allen Regionen im einstelligen Bereich zurück,
  • Das Wachstum wurde im Jahr 2016 noch im Mobilbereich erzielt:
    • Europa und Afrika: flach
    • Amerika: leichter Rückgang
    • Ozeanien: minimales Wachstum
    • Asien: Wachstum im Bereich von sieben Prozent durch ein beschleunigtes Wachstum in den aufstrebenden asiatischen Märkten
Position im Jahr
Land201620152014
Singapur112
Finnland221
Schweden333
Norwegen455
USA577
Holland644
Schweiz766
England889
Luxemburg9911
Japan101016
Dänemark111513
Hongkong12148
Südkorea131210
Kanada141117
Deutschland151312

Tabelle: Network Readiness Index (NRI) des Weltwirtschaftsforums (WEF)

Der Network Readiness Index (NRI) bewertet das Entwicklungsniveau der jeweiligen Länder in Bezug auf die Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT). Die NRI-Werte basieren auf statistischen Daten, die durch eine Meinungsumfrage unter den am WEF beteiligten Manager erhoben wurden, Die Top 15 Positionen werden von EU-Ländern dominiert, wobei die skandinavischen Länder an der Spitze stehen. Singapur führt die NRI-Zahlen seit fast einem Jahrzehnt an, Japan und Südkorea liegen in den Top 15 zusammen mit Hongkong (weit vor China). Nur die USA und Kanada repräsentieren die Länder des amerikanischen Kontinents.

Wie sieht die Zukunft aus und was müssen die jeweiligen Branche der Informations- und Kommunikationstechnologie für ihre Weiterentwicklung unternehmen?

Prognose für den Mobilbereich:

  • Die 3G/4G-Standards müssen auf den 5G-Standard (und darüber hinaus) migrieren. Die für das mobile Breitband (Smartphone, Tablet, etc.) notwendigen höheren Geschwindigkeiten sowie die Anwendungen für das Internet der Dinge (IoT) erfordern einen performanten Zugang zu neuen Breitbandtechnologien.
  • Neue Frequenzbänder werden in den Ländern versteigert. Diese unterliegen jedoch den gleichen Kompromissen wie zuvor: höhere Frequenzbänder für mehr verfügbare Bandbreite, aber immer kleinere Funkzellen.
  • Die Übertragungskapazitäten müssen drastisch erhöht, während sich die Kosten pro Bit für das mobile Breitband sich reduzieren müssen,
  • Zur Übertragung neuer Anwendungen muss die 5G-Technologie eingeführt werden. Diese bietet höhere Geschwindigkeit (bis 10 GBit/s), eine höhere Teilnehmerdichte der Funkzellen und eine niedrigere Latenz (1 Millisekunde).

Prognosen für Backbones und Zugangsnetze:

  • Wide-Area-Networks: Die Glasfaserkabel-Backbone werden weiterhin die Hauptlast der festen Breitbandzugänge abwickeln und weiterhin durch Richtfunkstrecken ergänzt werden.
  • Zugriffe auf die letzte Meile: Die bereits verlegten Kupfer- und Koaxialkabel stellen immer noch die wirtschaftlichste Lösung dar. Die Fibre-To-The-Home (FTTH) Lösungen werden aus Kostengründen nur in wenigen Regionen realisiert. Die Wireless- (WLAN-)Lösungen werden weiterhin die Festnetzinfrastrukturen ergänzen.
  • Enterprise-Trends: Inzwischen werden neben dem Hosting der Daten in der Cloud auch die Anwendungen in der Cloud betrieben. Dieser Trend stellt die Weiterentwicklung des „alten“ Rechenzentrumsmodells (Motive: Verfügbarkeit, Zuverlässigkeit, Redundanz und Backup) dar.
  • In den Unternehmen werden die beiden Übertragungstechnologien Ethernet und WLAN parallel koexistieren und die Benutzer (lokal und remote) mit dem Unternehmensnetz verbinden.

Prognosen für die Service-Provider:

  • Der Übergang der Service-Providers von den klassischen Netztechnologien zu SDN und NFV trägt weiterhin zur Senkung der Betriebskosten bei und fängt die Umsatzrückgänge bei älteren Sprachtechnologien auf. Beispiel hat der amerikanische Provider AT&T bis Ende 2017 etwa 55 Prozent seines gesamten Netzwerks virtualisiert. Bis zum Jahr 2020 sollen sogar 75 Prozent der Netzinfrastruktur virtualisiert sein.
  • Die Internet-Giganten werden auf eigene Kosten ihre eigenen Seekabel verlegen und eigenen Übertragungsplattformen aufbauen. Dies wird den bereits intensiven Wettbewerb mit den klassischen Carriern im internationalen Bereich noch anheizen. Mehr als zwei Drittel der über den Atlantik übermittelten digitalen Daten werden inzwischen über private Netzwerke geschickt. In diesem Bereich dominieren die Netze von Google, Microsoft und Facebook. Auch benötigen die Internet-Giganten eigene „Highspeed-Pipes“, um ihre datenhungrigen Operationen bereitstellen zu können:
    • Google: Suchmaschine, Google Mail, Google Docs, Google Maps, Google Cloud-Platform und vieles mehr,
    • Microsoft: Bing, Office365, Outlook/Hotmail E-Mail-Dienste und die Azure-Cloud-Dienste
    • Facebook: soziales Netzwerk mit Facebook Messenger, WhatsApp und Instagram
    • Amazon: Verkaufsplattform und Cloud-Services (AWS)

Prognosen für die Hersteller von Kommunikationskomponenten:

  • Die Hersteller von Telekommunikationskomponenten können nicht mehr nur vom Hardware-Verkauf überleben. Router, Switches und andere Netzwerkgeräte gehören inzwischen zu den so genannten „Commodities“. Der jüngste Quartalsbericht (3Q17) eines großen Netzwerkherstellers unterstreicht diesen Trend:
    • Routing: Umsatzrückgang um 6 Prozent gegenüber dem Vorjahr,
    • Switches: Umsatzrückgang um 4 Prozent im Jahresvergleich
    • Sicherheit: Umsatzrückgang um 17 Prozent im Jahresvergleich,
    • Dienstleistungen: Anstieg um 9 Prozent gegenüber dem Vorjahr,
  • Die Joint-Ventures oder Fusionen haben einigen Unternehmen das Überleben gesichert. Andre Unternehmen versuchen mit zusätzlichen Services wie beispielsweise SaaS, Cloud und Maintenance-Verträgen ihr Geld zu verdienen. Ein Beispiel für eine solche Initiative ist die Zusammenarbeit von Google und Cisco. In dieser Partnerschaft wird die Expertise von Google beim Aufbau riesiger Rechenzentren und im Bereich der Open-Source-Software mit dem Kundensupport von Cisco kombiniert. Hinter dieser Idee steckt der Gedanke, dass beide Unternehmen gemeinsam entsprechende Produkte entwickeln können, mit denen sie gegen Amazon im Cloud-Wettbewerb bestehen können.
  • Die Gerätehersteller müssen zukünftig noch stärker auf die Telcos bauen, die in den 5G-Bereich investieren. Es werden Lösungen notwendig, die die Ressourcen noch mehr virtualisieren und zusätzlich neue Techniken, wie beispielsweise SD-WAN, bereitstellen

Die Rolle der Berater in den sich entwickelnden Branchen

Mathias Hein, Consultant, Buchautor, Redakteur
Mathias Hein, Consultant, Buchautor, Redakteur

Die klassischen IT-Berater müssen zukünftig über mehrere unterschiedliche Fachkenntnisse verfügen. Nur so sind sie in der Lage, Kunden bei den bevorstehenden Veränderungen im Kommunikationsmarkt zu unterstützen. Zu den zusätzlichen Wissensgebieten gehören: Netzwerke, Funknetze, Endgeräte und Anwendungen, Videoinfrastruktur, Content-, Pay-TV- und Broadcast-Modelle, Cybersicherheit, Cloud, IP Kommunikation, Unified-Communications (UC), Rechenzentren und Virtualisierung.

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